Der Markt für Sportpferde im High-End-Bereich scheint aktuell weder national noch international irgendeine Grenze zu kennen. Doch in der Pferdezucht werden bei Weitem nicht nur zukünftige Olympia-Sieger geboren. Ein signifikanter Marktanteil entfällt auf den Kundenwunsch nach einem sitzbequemen, gesunden und temperamentsstabilen Reitpferd für eine vielfältige Nutzung, die dem durchaus zahlungskräftigen Amateur vor allem eines bereiten soll: Freude und Entspannung. Kunden berichten jedoch immer öfter, dass sie im Segment der klassischen Sportpferdezuchten kaum fündig werden. Nicht wenige dieser Kunden wenden sich daraufhin immer häufiger den iberischen Rassen zu. Sie beschreiben diese Pferde als sitzbequem, sicher im Umgang, rittig, komfortabel und mutig! Da stellt sich zwangsläufig die Frage, ob klassische Sportpferdezüchter hier einen Marktanteil verlieren, weil ihr Produkt nicht mehr zum Kundenwunsch passt. In Sottrum, mitten im hannoverschen Kernzuchtgebiet, widmet sich Anja Rietbrock seit geraumer Zeit beiden Pferdetypen. Wir haben sie anlässlich ihrer Veranstaltung „Barock meets Classic“ auf ihrer Anlage in Sottrum besucht und ihr einige Fragen stellen können, zum Beispiel, wie es zu ihrem Engagement für iberische Pferde kam, was sie besonders an ihnen schätzt und ob eventuell auch deutsche Züchterinnen und Züchter aus diesem Erfahrungsschatz etwas im Hinblick auf die Definition des Zuchtziels im eigenen Betrieb schöpfen können.

Sehr geehrte Frau Rietbrock, seit einiger Zeit widmen Sie sich erfolgreich dem Angebot von gut gerittenen Pferden aus iberischer Zucht für den deutschen Markt. Wie ist es dazu gekommen?

Durch meine erfolgreiche Spring und Dressurreiterei (Goldenes Reitabzeichen kombiniert im Springen und in der Dressur) bin ich schon immer in verschiedenen Sätteln zu Hause gewesen, doch jetzt macht mir gelegentlich mein Rücken zu schaffen beim Aussitzen unserer schwungvollen Warmblüter. Die meisten Profi-Sportreiter können sicherlich ein Lied davon singen, dass es oft nur für eine bestimmte Zeit möglich ist, wirklich harmonisch auf unseren Warmblütern zu sitzen. Viele Kollegen haben mir berichtet, dass sie schon mit Mitte 40 mit dem aktiven Sport aufhören. Da ich schon immer eine kleine Leidenschaft für exotische Pferderassen hatte, habe ich vor zehn Jahren mal einen Iberer erworben. In den folgenden Jahren habe ich dann immer einmal wieder
einen gekauft. Im Laufe der Zeit wurde ich darauf aufmerksam, dass es einen Markt für die iberischen Pferde gibt. Da ich eine Reitanlage bewirtschaften muss, habe ich dann die Gelegenheit wahrgenommen, den Handel, aber auch die Ausbildung dieser bequem zu reitenden Rasse weiter auszubauen, um damit, wie man betriebswirtschaftlich sagt, mein Produktportfolio zu erweitern. Beim Vorstellen dieser Pferde auf Turnieren habe ich dann ungewöhnlich viel Feedback von am Rande stehenden Zuschauern/Kunden bekommen. Ich hörte immer die Fragen „Sind die bequem, können wir die auch reiten?“, was mich in meiner Entscheidung noch bestärkte.

Hand aufs Herz, vor dem Hintergrund Ihrer familiären Nähe besonders zur hannoverschen Zucht, wie schwer ist es Ihnen gefallen, sich für die iberischen Pferde zu öffnen?

Mit unseren Warmblütern/Hannoveraner hatte ich meine schönsten sportlichen Erfolge. Das möchte ich nicht missen und ich höre auch nicht auf, Hannoveraner auszubilden und zu züchten. Einen Warmblüter in den Sport zu bringen, braucht einen langen Atem. Dennoch haben durchaus etliche Pferde aus unserer Ausbildung den Weg nach ganz oben in den Sport geschafft. Kontinuierlich damit entsprechend Geld zu verdienen, ist ein schwieriges Geschäft. Ein weiterer Punkt ist, dass die Spanier in ihrer Zucht viel moderner geworden sind und die Pferde neben ihren klassischen Fähigkeiten wie etwa der Versammlung auch mehr Bewegung und Schwung im Trabe erreicht haben. Durch ihren oft angelegten Fleiß ist es möglich, diese Pferde mit eher geringem Kraftaufwand zu reiten.

Worin sehen Sie die signifikantesten Unterschiede in den Ansprüchen an Haltung, Fütterung, Reitweise und Ausbildung?

Die iberischen Pferde sind mit weniger Kraftfutter zufrieden, sie kommen eher mit kargem Futter aus. Da ich auch einige jüngere Pferde in der Ausbildung habe, hat sich gezeigt, dass diese unerschrockener sind und sich sehr schnell auch von Amateuren nachreiten lassen. Beim Ausprobieren durch Kunden frage ich mich manchmal, wer will eigentlich noch Mitteltrab
reiten. Bei den meisten steht das bequeme Sitzen, die Anlehnung zum Gebiss und die Rittigkeit im Vordergrund.

Was berichten Ihnen Ihre Kundinnen und Kunden zu deren Beweggründen, gezielt nach einem Pferd aus iberischer Zucht zu suchen?

Als Erstes wird ein rittiges, „schussfestes“ und sitzbequemes Dressurpferd gesucht. Die Rasse steht bei etlichen Kunden eigentlich nicht immer im Vordergrund. Wir Warmblutzüchter haben ausgehend vom vielseitigen Arbeitspferd jetzt hochmoderne und spezialisierte Sportpferde gezüchtet, die ihren Reitern zum Teil sehr viel an Vermögen und Ausdauer abverlangen, aber viele dieser Pferde haben auch nicht das Vermögen für den ganz großen Sport. Immer seltener findet man das „Familienpferd“ unter den Warmblütern. Unter allen Reitern in Deutschland haben wir ca. 94 % Amateure und nur 6 % Sportreiter und durch Corona sind es vielleicht noch weniger Sportreiter geworden. Diese 94 % der Kunden wollen aber auch weiterhin ihrem Sport/Hobby nachgehen, finden aber häufig nicht mehr das passende Pferd.

Was sind aus Ihrer Sicht die besonderen Stärken von iberisch gezogenen Pferden? Liefert die iberische Zucht Ihnen Pferde für ein ganz spezielles Segment auf dem Markt oder können Sie sehr unterschiedliche Kundenwünsche berücksichtigen?

Der Iberer wurde auf Ausdauer, Mut und Wendigkeit ursprünglich zum Rindertreiben, zum Stierkampf und zur Fiesta gezüchtet. Einhergeht aber auch viel Talent für die Hohe Schule, insbesondere Piaffe und Passage. Die etwas geringere´Größe im Verhältnis zu vielen Warmblütern zwischen ca. 155 cm und 165 cm ist sehr beliebt. Die Pferde gehen ins Gelände, können zum Teil auch gesprungen werden und werden auch gefahren.

Interessieren sich Ihre Kunden größtenteils für ein Reitpferd zum individuellen privaten Vergnügen?

Ein klares Ja: Das private Vergnügen steht im Vordergrund. Haufig kommt die Frau auf mich zu, kurze Zeit später möchte mancher Mann auch wieder reiten und so können beide wieder beispielsweise zusammen ins Gelände reiten. Ich habe schon langjährige Warmblutreiter, die zum Teil auch sportlich geritten haben, als Kunden bekommen, weil diese ein rittiges und bequemes Pferd zum privaten Vergnügen haben wollten. Bildlich gesprochen: weg vom knallhart gefederten und fahrerisch anspruchsvollen Sportwagen und hin zu einer sportlichen Limousine mit Automatikgetriebe.

Haben Pferde aus iberischer Zucht im deutschen Turniersport aus Ihrer Sicht eine Chance auf echte Teilhabe?

Ganz vorne im Sport wird weiterhin der Hannoveraner stehen, aber die Iberer sind ja schon bıs zur Olympiade in ihren Ländern qualifiziert. Der sportliche Abstand zwischen den Rassen ist somit kleiner geworden und der Anteil von Iberern könnte weiter zunehmen. Ich bin der Überzeugung, dass es mehr und mehr Turniere für Barockpferde und Amateure geben wird und auch die Working-Equitation-Turniere immer mehr Liebhaber bekommen. Im klassischen Viereck werden die Iberer durch ihre hohe Versammiung punkten. Ich sehe den modernen Iberer im Sport nicht vor unseren Hannoveranern, aber ich würde mich freuen, wenn er vor anderen „Ausländerpferden“ eingekreuzt würde, um wieder mehr Rittigkeit und Schussfestigkeit zurückzubekommen.

Auf Ihrem Betrieb geht es augenscheinlich eher um ein Sowohl-alsauch statt um ein Entweder-oder. Können Sie deutschen Züchtern etwas aus Ihrem Erfahrungsschatz berichten, was diesen helfen könnte, zukünftig diese Käufergruppen auch wieder zurückzugewinnen?

Mit unseren immer spezialisierteren Zuchtzielen haben wir ein wenig die Marktanforderungen des gesamten Spektrums aus den Augen verloren. In der Zucht wurde immer mehr auf die Bewegungsmechanik und weniger auf die Rittigkeit geachtet, es soll immer höher, schwungvoller und exaltierter sein, was zu sehr sensiblen und hoch im Blut stehenden Pferden geführt
hat. Hier müssen wir wieder etwas umdenken. Liebe Züchter, wir brauchen Pferde, die nicht nur von sehr starken Reitern und Profis geritten werden können, sondern die einen klaren Kopf haben und gegebenenfalls auch als Amateur- oder Familienpferde verkauft werden können, wenn sie von ihrem Talent her nicht für den ganz großen Sport geeignet sind.

Sehr geehrte Frau Rietbrock, wir bedanken uns für dieses interessante und offene Gespräch.


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